»Der Kapitalismus kann nicht reformiert werden« Aufstand gegen »kannibalische Weltordnung«: Bewegungen wie »Fridays for Future« üben grundsätzliche Kritik. Ein Gespräch mit Jean Ziegler

In Ihrem neuen Buch »Was ist so schlimm am Kapitalismus?« sprechen Sie von einer »Zivilgesellschaft« als neuem, historischen Subjekt. Wie darf man sich das vorstellen? Der Kapitalismus ist ein Paradox. Einerseits unglaublich kreativ, die Produktivkräfte entwickeln sich rasant. Aber gleichzeitig hat er eine kannibalische Weltordnung geschaffen. ...

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Die Einkommensschere in Deutschland

Vom Aufschwung der vergangenen Jahre haben vor allem die Menschen profitiert, die ohnehin viel verdienen. Die Ärmsten aber haben weniger. Zu dieser Kernaussage kommt eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).[1] Die Autoren sprechen von einem signifikanten »Anstieg der Einkommensungleichheit in Deutschland, der für das ...

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Anstöße zu einer notwendigen Reformdebatte: Kevin Kühnerts Systemkritik

Mit geradezu hysterischer Polemik, deren Heftigkeit verblüfft, haben Wirtschaftsverbände und Sprecher von Unternehmen, unterstützt von vielen Medien und Politiker*innen auf ein Interview des Juso-Chefs Kevin Kühnert reagiert. Die Wochenzeitung »Die Zeit« fragte den Vorsitzenden der Jusos in der SPD: »Herr Kühnert, Sie nennen sich einen Sozialisten. ...

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NABU: Studie legt Lobby-Netz des Deutschen Bauernverbands offen

Tschimpke: Lobbyregister und mehr Transparenz erforderlich – Verfehlte EU-Agrarpolitik und Düngerecht machen Handlungsbedarf deutlich Der NABU stellt am heutigen Montag eine neue Studie vor, die das Netz der Agrarlobby in Deutschland offenlegt. „Unser Ziel ist es, Transparenz in das enge Beziehungsgeflecht zwischen Agrarpolitik, Agrarwirtschaft und Bauernverband ...

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Bundesweit drastischer Rückgang der Feldhasen

PETA fordert von Deutschem Jagdverband sofortiges Ende der Hatz auf gefährdete Hasenpopulation Von PETA Sinnbild der Osterzeit bedroht: Die Zahl der Feldhasen geht stark zurück und die Tiere wurden bereits in der Roten Liste gefährdeter Arten aufgenommen. Im Jagdjahr 2017/18 haben Jäger 184.690 Feldhasen getötet. Vor fünf ...

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Niedriglöhne und unzureichender Mindestlohn Hauptgründe für die tiefe soziale Kluft

Trotz langer Boom-Phase (die »fetten Jahre«) arbeitet immer noch etwa ein Viertel der Lohnabhängigen in Deutschland zu Niedriglöhnen. Und: Mindestlöhne reichen selbst in Vollzeit nicht annähernd aus, um die Lebenshaltungskosten zu decken und eine würdevolle Existenz im Alter zu gewährleisten. Die Konjunktur schwächelt neuerdings, aber negative ...

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Personalmangel im Krankenhaus: Olympischer Brief an Spahn kommt in Gießen und Marburg

Seit Januar reist der Olympische Brief von Krankenhaus zu Krankenhaus - durch ganz Deutschland. Vom 8.-10. April macht der Brief auf Einladung des „Aktionsbündnis Gemeinsam für unser Klinikum“ Station in Mittelhessen. Tausende Beschäftigte unterschreiben auf den langen Papierrollen in dem Metallkoffer. Sie fordern von Gesundheitsminister Jens ...

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Sackgasse Elektromobilität

Die Weltautobranche erlebte in jüngerer Zeit mehrere ökonomische und Glaubwürdigkeitskrisen. Ein Ausweg bot dabei immer: eine neue Reformidee. Katalysator. SwatchCar. Biosprit. Und jetzt das Elektro-Auto. Allen diesen „inneren Reformen“ der Autogesellschaft gemein ist: Am Ende wurden die Zahl der Autos auf dem Planeten erhöht, die ...

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Damit es wieder überall summt und krabbelt – Deutschland muss ein insektenfreundliches Land werden

Das Insektensterben ist dramatisch und geht immer weiter: Laut einer aktuellen Studie verschwinden jedes Jahr zwei Prozent der Insekten weltweit, in 100 Jahren könnten sie gänzlich ausgestorben sein. An Land sind am stärksten Schmetterlinge, Käfer und Hautflügler wie Wildbienen betroffen. Der Bund für Umwelt und ...

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Das Verschwinden der Insekten von der Oberfläche des Kapitals

Das in Bayern durchgeführte Volksbegehren "Rettet die Bienen" und dessen Erfolg nährt Hoffnungen, die bei genauerem Hinsehen Zweifel aufkommen lassen In Bayern wurde erfolgreich ein Volksbegehren durchgeführt. Es firmierte unter dem Titel "Volksbegehren Artenvielfalt" [1], warb um Teilnahme mit dem Slogan "Rettet die Bienen!" und war ...

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Armut steigt – Armutsbekämpfung Fehlanzeige

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Soziale Spaltung ist in Deutschland und Europa mittlerweile ein Dauerthema. Auf Anfrage der Linkspartei stellt das Bundessozialministerium fest, dass seit der Einführung von Hartz IV im Jahr 2005 mindestens 14,5 Mio. Menschen in Deutschland mindestens einmal Hartz-Leistungen bezogen haben. Seit der Agenda 2010 geht es mit der Berliner Republik stetig bergauf. Selbst die große Wirtschafts- und Finanzkrise wurde locker weggesteckt. Doch zu welchem Preis?

Denn ein Faktum bleibt: Ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung nimmt an diesem langen Aufschwung nicht teil. Rund zehn Mio. dieser BezieherInnen von Regelleistungen nach dem zweiten Sozialgesetzbuch zählten als erwerbsfähig. Rund 4,4 Mio. Kinder unter 15 Jahren profitierten von Hartz IV-Leistungen.

Von erheblicher materieller Entbehrung waren laut einer aktuellen Meldung des Statistischen Bundesamts im vergangenen Jahr 4,4% der deutschen Bevölkerung betroffen, sie konnten etwa die Rechnungen für ihre Miete, Hypotheken oder Versorgungsleistungen nicht bezahlen, ihre Wohnungen nicht angemessen beheizen oder keine einwöchige Urlaubsreise finanzieren. EU-weit lag der Anteil bei 8,1%.

Quer durch Parteien und Zivilgesellschaftsorganisationen wird daher der Ruf laut nach einer Abkehr von Hartz IV. Stattdessen müsste sich die Regierung um wirksame Armutsbekämpfung kümmern. Denn Millionen BürgerInnen in Deutschland sind von Armut bedroht. Es ist eine Illusion, sich von wirtschaftlichem Aufschwung und wirtschaftlicher Stabilität eine Linderung der Armutsproblematik zu erwarten. Millionen Minderjährige starten mit Hartz-Karrieren oder Erfahrungen sozialer Ausgrenzung ins weitere Leben. Aktuell gibt es 5,9 Mio. Hartz-IV-BezieherInnen – das sind rund 7% der Bevölkerung. Diese 5,9 Mio. EmpfängerInnen untergliedern sich in 4,3 Mio. Erwerbsfähige und 1,6 Mio. Nicht-Erwerbsfähige, vor allem die Kinder von Arbeitslosen.

Die Zahl der Langzeitbezieher beträgt 2,6 Mio. Für die Linke-Abgeordnete Sabine Zimmermann, die die Anfrage gestellt hatte, ist Hartz IV längst kein Randproblem mehr, das nur Langzeiterwerbslose betrifft. Zehn Mio. BezieherInnen hätten sich durch eine undurchschaubare Bürokratie kämpfen müssen, um Miete und Existenzminimum zu sichern, immer unter Androhung von Sanktionen: »Sie haben nachweisen müssen, dass sie über keinerlei Vermögen mehr verfügen«, sagte Zimmermann.

Aber bei einem Großteil der Medien und in der Politik gilt das Thema Bekämpfung der sozialen Spaltung und Armut als Übertreibung oder gar Märchen. Das Hauptargument: Dem vielfach angeführten Armutsbegriff der Statistiker liege ja  der Vergleich mit dem »Normaleinkommen« zugrunde. Gemessen werde also nicht notwendigerweise Entbehrung oder gar Elend, sondern die Distanz zum Median, dem mittleren Einkommen in der Bevölkerung. Steigt dieses Medianeinkommen, zieht auch die Grenze für das statistische Armutsrisiko nach.

Gegenüber dieser relativen Betrachtung der Armut müsse man auf der »wirklichen« Armut bestehen. Erhebliche materielle Entbehrungen – also Armut im traditionellen Sinn – mussten 2015 nach Angaben des Statistischen Bundesamts 4,4% der Bevölkerung verkraften, und damit deutlich weniger als 2014, als es noch 5% der EinwohnerInnen waren. Also diese vier Prozent sind zu bedauern, aber die sind politisch und sozialpolitisch kein Problem.

Armutsgefährdung

Wir halten an einem Armutsbegriff fest, der sich auf das Normaleinkommen bezieht. 20,0% der Bevölkerung in Deutschland – das sind 16,1 Mio. Menschen – waren im Jahr 2015 von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Seit dem Jahr 2008 ist dieser Anteil damit nahezu unverändert. Dies ist ein Ergebnis der Erhebung LEBEN IN EUROPA (EU-SILC). Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) weiter mitteilt, lag der Anteil armer oder sozial ausgegrenzter Menschen in der gesamten Europäischen Union im betrachteten Zeitraum stets deutlich höher als in Deutschland (2015: 23,7%).

Eine Person gilt in dieser Untersuchung als von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht, wenn mindestens eine der folgenden drei Lebenssituationen zutrifft: Ihr Einkommen liegt unter der Armutsgefährdungsgrenze (die Person ist also von Einkommensarmut bedroht), ihr Haushalt ist von erheblicher materieller Entbehrung betroffen, oder sie lebt in einem Haushalt mit sehr geringer Erwerbsbeteiligung (bezogen auf die Erwerbsbeteiligung von Personen im Alter von 18 bis 59 Jahren). Für jede dieser Lebenssituationen kann jeweils der Anteil der Personen in der Bevölkerung ermittelt werden, auf den diese Situation zutrifft.

 

Mit 16,7% der Bevölkerung war jede sechste Person in Deutschland im Jahr 2015 von monetärer Armut bedroht. Das entsprach rund 13,4 Mio. Menschen. Der Anteil der armutsgefährdeten Personen ist damit genau so hoch wie 2014. Eine Person gilt nach der EU-Definition für EU-SILC als armutsgefährdet, wenn sie über weniger als 60% des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung verfügt (Schwellenwert der Armutsgefährdung). 2015 lag dieser Schwellenwert für eine alleinlebende Person in Deutschland bei 1.033 Euro im Monat und war damit höher als im Berichtsjahr 2014 (987 Euro im Monat). Für zwei Erwachsene mit zwei Kindern unter 14 Jahren lag der Schwellenwert im Berichtsjahr 2015 bei 2.170 Euro im Monat.

4,4% der Bevölkerung in Deutschland waren im Jahr 2015 von erheblicher materieller Entbehrung betroffen (2014: 5,0%). Das bedeutet, dass ihre Lebensbedingungen aufgrund von fehlenden finanziellen Mitteln eingeschränkt waren. Sie waren z. B. nicht in der Lage, ihre Rechnungen für Miete, Hypotheken oder Versorgungsleistungen zu bezahlen, ihre Wohnungen angemessen zu beheizen oder eine einwöchige Urlaubsreise zu finanzieren.

9,8% der Bevölkerung unter 60 Jahren lebten in einem Haushalt mit sehr niedriger Erwerbsbeteiligung (2014: 10,0%) und damit in Haushalten, in denen die tatsächliche Erwerbsbeteiligung der erwerbsfähigen Haushaltsmitglieder insgesamt weniger als 20% betrug. EU-weit waren 17,3 % der Bevölkerung von Armut bedroht, 8,1% von erheblicher materieller Entbehrung betroffen, und 10,5 % lebten in einem Haushalt mit sehr niedriger Erwerbsbeteiligung.

Dass die Entwicklung und das Ausmaß von Armut in anderen europäischen Ländern (etwa Griechenland mit deutlich mehr als 20%) in der Berliner Republik nicht sonderlich interessiert, und kaum kommentiert wird, mag angesichts der anhaltend günstigen ökonomischen Grundkonstellation hierzulande nicht weiter verwundern. Stattdessen wird viel Aufwand betrieben, um die unbestreitbare Armut beim europäischen Hegemon klein zu reden. So stellt denn die FAZ ihre Auswertung der EU-SILC-Zahlen unter das Motto »Armut geht in Deutschland deutlich zurück«.

Das tut sie deshalb, weil sie, wie auch andere Teile der ökonomischen und politischen Eliten dieser Republik, nur als arm gelten lässt, wer unter »erheblicher materieller Deprivation leidet«, also seine Miete und/oder auch die Stromrechnung nicht zahlen kann. Dagegen wird die Aussagekraft der Armutsrisikoquote, die den Anteil der Haushalte misst, die weniger als 60% des gesellschaftlichen Mittelwerts zur Verfügung haben, in Frage gestellt. Hält man sich nämlich an diesen Gradmesser von Armut, kommt man zu einer gänzlich anderen Einschätzung des Ausmaßes von Armut und damit der Vertiefung der sozialen Spaltung in der Berliner Republik.

Denn diese Armutsquote hat trotz guter ökonomischer Rahmenbedingungen und einem enormen Beschäftigungsaufbau auch in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Diese Entwicklungstendenz wird im Übrigen auch bei den anderen Befragungen wie dem Mikrozensus des Statistischen Bundesamst oder dem Sozioökonomischen Panel (SOEP) gut dokumentiert.

Im Frühjahr 2017 soll mit Verspätung der neue Armuts- und Reichtumsbericht der schwarz-roten Bundesregierung erscheinen. Arbeits- und Sozialministerin Nahles, unter deren Ägide der Bericht erstellt wird, ist bekannt dafür, dass sie das Armutsproblem in der Republik gern kleinredet. Statt es anzupacken, hat sie sich gerade in den letzten Wochen durch noch mehr Repression gegenüber armen BürgerInnen hervorgetan. So sind in dem unter ihrer Federführung ausgearbeiteten und zum 1. August in Kraft getretenen 9. Änderungsgesetz zum Sozialgesetzbuch erhebliche Verschärfungen für EmpfängerInnen von Hartz IV vorgesehen. So müssen Arbeitslose jetzt mit drastischen Strafen von bis zu fünftausend Euro rechnen, wenn ihre Angaben unvollständig sind.

Dabei setzt schon das bisherige Sanktionsregime die Langzeitarbeitslosen unter menschenunwürdigen Dauerdruck. So haben die Job-Center nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) von April 2015 bis März 2016 fast eine Million Leistungskürzungen (950.000 Kürzungen gegen 414.000 Leistungsbezieher) verhängt. Knapp siebentausend Menschen wurden die Mittel im März 2016 vollständig gestrichen. Besonders junge Menschen bis 25 Jahre, auch Minderjährige, sind von den Maßnahmen betroffen. Im vorigen Jahr waren 1.800 Sanktionierte erst fünfzehn und knapp 15.000 zwischen sechzehn und siebzehn Jahre alt.

5. November 2016 Joachim Bischoff / Bernhard Müller, aus: sozialismus