»Die Motive des Staatsanwalts sind mir rätselhaft«

Am Freitag beginnt vor dem Gießener Amtsgericht der Prozess gegen die Ärztin Kristina Hänel. Abtreibungsgegner haben sie angezeigt. Ihr wird vorgeworfen, gegen den Paragraphen 219 des Strafgesetzbuches verstoßen und Schwangerschaftsabbrüche beworben zu haben. Worum geht es genau? Kristina Hänel führt in ihrer allgemeinärztlichen Praxis unter anderem ...

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Lybien: Öl, Lager und Sklaven

BERLIN/TRIPOLIS (Eigener Bericht) - Im Windschatten der EU-Flüchtlingsabwehr breitet sich in Libyen Sklavenhandel mit Migranten aus. Kürzlich publizierte Videoaufnahmen dokumentieren, wie Flüchtlinge aus Nigeria in dem nordafrikanischen Land etwa als "große, starke Jungen für die Feldarbeit" angepriesen und versteigert werden. Von verheerenden Zuständen in libyschen ...

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Mordverdacht abgebügelt

17.11.2017: Mordverdacht abgebügelt (Tageszeitung junge Welt)// $(document).ready(function() { $('.MagPopup').magnificPopup({type:'image',delegate:'a'}); }); // ]]> Feuertod von Oury Jalloh: Justiz auf Landes- und Bundesebene will nicht gegen Dessauer Polizisten ermitteln 17.11.2017: Mordverdacht abgebügelt (Tageszeitung junge Welt)// $(document).ready(function() { $('.MagPopup').magnificPopup({type:'image',delegate:'a'}); }); // ]]> Nachdem junge Welt in der Montagausgabe zuerst über neue Entwicklungen im Fall Oury Jalloh berichtet ...

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AfD demaskiert sich selbst

Partei stimmt keiner Vorlage für die Schaffung sozialen Wohnraums zu Man hätte erwarten können, dass eine Partei wie die AfD, die im Wahlkampf und in ihrem öffentlichen Auftreten immer wieder eine vermeintliche Benachteiligung deutscher Bürgerinnen im sozialen Bereich und auch gerade auf dem Wohnungsmarkt beklagte, dem ...

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Militarisierung der EU

Kooperationsvereinbarung »Pesco« Am Montag haben sie 23 der 28 EU-Staaten unterzeichnet: Die Notifizierungsurkunde für »Pesco«, die »Ständige Strukturierte Zusammenarbeit« (»Permanent Structured Cooperation«) der EU. »Pesco« – das klingt neutral, ganz so, wie wenn es um Alltägliches ginge, um Dinge wie IBAN, Gema oder BAföG. Tatsächlich aber ...

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Paradise Papers: Neue Enthüllungen über Schattenfinanzplätze: Endlich Eigentümer/innen und Steuerdaten von Unternehmen veröffentlichen

blog steuergerechtigkeit Pressemeldung Netzwerk Steuergerechtigkeit und Tax Justice NetworkBerlin, 6.11.2017 – Das Netzwerk Steuergerechtigkeit und das Tax Justice Network zeigen sich erschüttert über die neuen Enthüllungen aus den Paradise Papers. Offshore-Steuerflucht macht die Armen ärmer und die Reichen reicher. Sie verschärft die ohnehin zu hohe Ungleichheit. ...

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Polizei beendet Demonstration in einer Bürgerkriegsübung

Am Samstag in Düsseldorf: Kämpferische Demonstration von der Polizei aufgelöst (rf-foto) Mit den Losungen: „NO PASARAN - Kein Fußbreit dem Faschismus! Schluss mit den Verboten kurdischer und demokratischer Organisationen aus der Türkei! Freiheit für Abdullah Öcalan und alle politischen Gefangenen” zogen bis zu 20.000 Demonstranten durch ...

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Verdient der Reaktionär und Antisemit Luther einen Feiertag?

"Reformationstag 2017 - über diesen Feiertag freut sich ganz Deutschland", heißt es in der Schlagzeile einer Münchner Boulevardzeitung[1]. Sie bezieht sich auf den Reformationstag 2017, der wegen Luthers 500sten Geburtstag in diesem Jahr bundesweit Feiertag ist. Wenn sich die Behauptung verifizieren ließe, wäre das ein ...

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Börsen im Höhenrausch – die Fieberkurve im Finanzsystem steigt

Die Börsen boomen, die Kurse eilen von Rekord zu Rekord. Der US-Aktienindex Dow Jones stieg  vergangene Woche zum ersten Mal über 23.000 Punkte, der japanische Nikkei erreichte mit über 21.000 Punkten den höchsten Stand seit 21 Jahren, der DAX überschritt zum ersten Mal die Marke ...

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Ein Leben für die Revolution

Vor 50 Jahren wurde Che Guevara in Bolivien auf Befehl der CIA ermordet Von Volker Hermsdorf»Che hat mir den Weg gewiesen«, beendet der heute 83jährige Schweizer Soziologe Jean Ziegler gern eine Anekdote über ein Gespräch mit Ernesto Guevara. Ziegler war während einer Weltzuckerkonferenz in Genf im ...

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»Mitgefühl ist ausgeschlossen«

bra

Wann lacht ein Killer? Über NSU, »­fragmentierte Körper« und Ideologie. Ein Gespräch mit Klaus Theweleit

Sie haben am 30. September NSU-Strafprozesses besucht. Haben Sie Beate Zschäpe oben von der Besucherbalustrade lachen gesehen?

Ja, mehrmals sogar.

Warum hat sie gelacht?

Es gab in der Verhandlung ein Geplänkel zwischen einem der Zschäpe-Rechtsanwälte und dem Vorsitzenden Richter Manfred Götzl über eine Verfahrensfrage. Die haben sich beide ziemlich aufgeplustert, Götzl sah seine Autorität in Frage gestellt. Am Schluss hat ihm der Rechtsanwalt die aber bestätigt: »Selbstverständlich, Herr Vorsitzender, …« und so weiter. Das hat Beate Zschäpe amüsiert, dass die Justizfreaks, die sie nun schon zwei Jahre mit ihrem Schweigen vollbeschäftigt, sich ihretwegen – der mysteriösen Mitkillerin – in die Wolle kriegen: grins. Das Ganze war aber mehr ein Showduell zur Durchbrechung der Langeweile der Gerichtsroutine.

Und was hat das mit dem »Lachen der Täter«, über das Sie Ihr neues Buch geschrieben haben, zu tun?

Nichts.

Wie bitte?

Das Lachen der Täter, über das ich schreibe, ist ein eruptives Lachen, aus den Körpern der Killer hervorbrechend im Tötungsakt. Solch ein Lachen ist in einem Gerichtsprozess selbstverständlich nicht zu erwarten. Es lacht sich auch in kleineren Formaten. Nach Adorno und Horkheimer in der »Dialektik der Aufklärung«, auf die ich mich unter anderem beziehe, ist Lachen in erster Linie ein Zeichen der Gewalt, »der Ausbruch blinder, verstockter Natur«, wie sie schreiben.

Und was hat der Killer zu lachen?

Er feiert das Glücksgefühl einer momentanen Ganzheit. Der rasend lachende Killer komplettiert seinen eigenen Körper, sein Gelächter ist die Begleiteruption zur eigenen Selbstgeburt; am liebsten vollzogen im Gelächter einer Truppe, der er sich machtvoll einfügt. Dieses Lachen schließt die Präsenz jeder anderen Emotion aus. »Mitgefühl« mit den Opfern ist dabei – rein physiologisch – ausgeschlossen.

Adorno und Horkheimer sprechen auch vom »Teuflischen des falschen Lachens«, eine Art versteinertes Gelächter, das die Furcht dadurch bewältigt, »indem es zu den Instanzen überläuft, die zu fürchten sind«. Eben das sei das »organisierte Gelächter« im Getöse der Antisemiten. In der »Dialektik der Aufklärung« wird aber auch das »entgegengesetzte Element« des Lachens reflektiert, mit dem man in einer glücklicheren Umgebung »der zerstörenden Gewalt sich begebe«. Es gibt also wenigstens zwei Sorten Lachen?

Es gibt viel mehr Sorten, unendlich viele. Das »entgegengesetzte Element« zu dem der Gewalt wurde dabei von Freud formuliert. Er sah das Lächeln entstehen in der Mundbewegung des gesättigten Säuglings, der von der Mutterbrust ablässt. Heutige Forscher gehen eher davon aus, dass die muskuläre Lachbewegung phylogenetisch aus dem Zähnefletschen hervorgegangen ist, welches dem Biss vorausgeht; der, in diesem Fall, durch das Lachen ausgebremst würde.

»Fun ist ein Stahlbad«, dieser berühmte Satz folgt in der »Dialektik der Aufklärung« der Passage über das »schlechte Lachen«. Der Killer presst sich sein Lachen als Ausdruck »blinder verstockter Natur« aus dem Leib?

Das stimmt so nur noch teilweise. Die Lage der Mannheit, weltweit, hat sich etwas verändert. So wie die Killer heute technologisch hochgerüstet, schwerbewaffnet und modern daherkommen – vom zentralafrikanischen Spezialfall mit der Machete sehe ich jetzt ab –, mit dem Mobiltelefon in der einen, mit der Knarre in der anderen Hand, wäre es unzutreffend, das weiter nur als »blinde Natur« zu begreifen. Das Adjektiv »verstockt« trifft es schon präziser. Die verstockte Seite lacht allerdings auch aus Überforderung, nämlich auch aus der im Innern kochenden Todesangst. Statt aus »blinder Natur« handelt der heutige Killermann eher aus vielsehender, alleswissender Technologie heraus.

Wie knüpfen Sie eine Verbindung vom NSU zu den Killing Fields in Osteuropa während des Zweiten Weltkriegs und später in Indonesien, Guatemala, Ruanda bis hin zu Anders Breivik in Norwegen?

Die Verbindung ergibt sich von alleine. Das sogenannte Bekennervideo der Nazikiller ist ein sich selbst feierndes Hohngelächter über ihre Opfer. Im NS-Untergrund wurde schon jahrelang die Mordserie des NSU befeixt, als die Landeskriminalämter immer noch nach Tätern unter den Migranten suchten. Der Song »Döner-Killer« feierte die Verbreitung von »Angst und Schrecken. Der Döner bleibt im Halse stecken.« In der Selbstenttarnung des NSU, diesem Paulchen-Panther-Video, steht der Spaß des Mordes an Migranten unverblümt im Vordergrund.

Sie machen in Ihrem neuen Buch klar: Es geht nicht um Ideologie und auch nicht um Religion. Denn die lachenden Killer wechseln sie bei Bedarf. Breivik nennen Sie einen »frei flottierenden SS-Mann«, der genausogut auch muslimischer Dschihadist sein könnte. Es gehe um den Körper und die damit gemachten Erfahrungen. Faschismus soll keine Ideologie sein?

Nur für Ideologen ist Faschismus primär eine »Ideologie«. Er ist aber etwas anderes: »Faschismus« ist eine bestimmte Art und Weise, die Realität zu produzieren. Durchgeführt von Menschen, speziell von Männern, mit einer bestimmten Körperlichkeit, die ich den »fragmentierten Körper« nenne. Gemeinsam ist ihren Trägern, dass sie sich aber gerade nicht als »gestört« oder gar zerstört empfinden, sondern im Gegenteil: als Retter der Welt, der sie die Heilung bringen; oder zumindest als Retter ihres Landes. In ihrem Innern toben Ängste, Zerfallsängste. Es resultiert der »fragmentierte Körper«, der zu Zwecken der eigenen Angstbewältigung sich die Realität unterwirft; sie in ein »geordnetes«, das heißt hierarchisches System, zu überführen sucht, weil er sie sonst nicht aushält; und der, wo er eigene Unsicherheiten bzw. »Bedrohungen« empfindet, diesen nicht anders begegnen kann als mit Gewalt. Zugespitzt: durch Töten. Noch zugespitzter: durch restloses Ausrotten all dessen, was ihn »bedroht«. Dadurch erreicht er ein (vorübergehendes) Gefühl körperlicher Ganzheit. Breivik mordet als »Christ«. Die IS-Killer im Namen Allahs. Sogenannte Argumente für die »Rechtmäßigkeit« der eigenen Tötungsarbeit – also ideologische Konstruktionen – lassen sich immer finden; sogar von den Blödesten. Ideologien sind Schnickschnack; Zeug zur Verschleierung anderer Motive; so z. B. auch die Rede von »Freedom and Democracy« zur Verschleierung von Ölraub im Nahen Osten.

Was heißt das für eine – sagen wir – linke Gegenideologie mit der Perspektive von Antifaschismus und Frieden?

Gegenideologien sind hilflos. Sie setzen voraus, dass das »Gegenüber« durch Argumente, »Gegenargumente« überzeugbar wäre, vom eigenen Tun abzulassen. Das ist es aber nicht. Der Neonazi weiß genausogut wie der religiöse »Kreationist«, dass seine »Argumente« einer unvoreingenommenen »rationalen« Überprüfung nicht standhalten würden. Er weiß, dass er Quatsch erzählt. Das ist gerade sein Vorteil. Kein »Argument« der Welt kann ihm etwas anhaben. Menschen verändern sich zum Besseren nur durch Veränderungen ihrer körperlich-gesellschaftlichen Lage; heißt: nur durch veränderte Beziehungen, freundliche. An erster Stelle durch die Berührung mit anderen Menschen, Hautkontakte, andere (be)rührende Kontakte; Kontakte der Lebens- und Arbeitssituation. Dass man – als Aufklärer – einer besseren Ideologie anhängt, hilft niemandem. Höchstens einem selber; aber nicht einmal das ist sicher.

Klaus Theweleit: Das Lachen der ­Täter: Breivik u.a.: Psychogramm der Tötungslust. Residenz-Verlag, Salzburg 2015, 248 S., 22,90 Euro

aus: jw, 11.11.15