Flagge gezeigt...

Eine Einzelrichterin des Gießener Amtsgerichtes hat am Mittwochmorgen den gegen einen 36-jährigen Deutschen, kurdischer Abstammung, verhängten Strafbefehl in Höhe 1600 Euro im Zuge einer Hauptverhandlung bestätigt. Sie befand damit den Familienvater für schuldig, zwischen dem 9. März und 9. Mai vergangenen Jahres zwei Bilder von ...

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Leithammel sucht Leitkultur

Kultur bedeutet immer Verzicht und Ausschluss – der Bundesinnenminister ruft dazu auf, das »vorzuleben« Kein schöner Land in dieser Zeit, als hier das unsre weit und breit, wo wir uns finden wohl unter Linden zur Abendzeit. Anton Wilhelm von Zuccalmaglio (1838) Von Kultur ist immerfort die Rede, ...

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Im Geiste mitmarschiert

Die jüngst bekannt gewordenen positiven Bezüge auf NS-Traditionen bei Bundeswehrsoldaten und -einheiten finden sich auch in aktuellen Publikationen deutscher Militärs. Das von dem designierten Generalstabsoffizier Marcel Bohnert herausgegebene Buch "Die unsichtbaren Veteranen" kann hierfür als Beleg dienen. In dem Band heißt es unter anderem, der ...

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Paris und Kiel: Die Sozialdemokratie endgültig auf dem Abstellgleis

In Frankreich ist das passiert, was man erwarten konnte und ich will nicht wiederholen, was ich vor 14 Tagen dazu gesagt habe (hier[1]). Der neue Präsident wird in wenigen Tagen in personeller Hinsicht darlegen müssen, wie sein neuer/alter Weg aussieht. Überraschungen sind nicht ausgeschlossen, aber nach ...

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»Mélenchon spielt mit dem Feuer«

Kommunisten fordern bei den Stichwahlen eindeutige Mobilisierung gegen Marine Le Pen Unter den links eingestellten Franzosen stößt es auf scharfe Kritik: Jean-Luc Mélenchon wollte am Sonntagabend nach Bekanntgabe von Macron und Le Pen als Sieger der ersten Runde der Präsidentschaftswahl für seine Anhänger keine Wahlempfehlung für ...

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»Erinnern heißt kämpfen«

Gedenkfest: Was junge Antifaschistinnen und Exsoldaten nach Rojava führte Von der 19jährigen Kommunistin und dem 21jährigen Antifaschisten bis zum Exsoldaten, der mit über 50 Jahren erstmals sicher war, auf der richtigen Seite zu kämpfen, reicht das Spektrum der Freiwilligen aus Deutschland, die in Rojava, der Demokratischen ...

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NSA hackt Rechner der FH Gießen - Empörung bleibt aus

Dass der US-amerikanische Geheimdienst NSA auch in Deutschland eifrig spioniert hat, ist kein Geheimnis mehr - es gibt aber immer wieder neue Spuren der Spitzelaktionen bis nach Hessen. Dazu hat zuletzt auch die Hackergruppe The Shadow Brokers (dt.: Die Schatten-Makler) beigetragen. Von ihr geleakte Daten ...

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Hauptsache Abwehr

  Deutsche Kolonialverbrechen in Afrika: Berlin versucht weiter mit allen Mitteln, Entschädigungsforderungen abzuschmettern Es geht um 30 Milliarden US-Dollar. Das ist die Summe, die die Regierung Namibias laut Medienberichten derzeit von Deutschland zu fordern prüft – als Entschädigung für die Verbrechen des Deutschen Reichs in seiner Kolonie ...

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Eine Chance für den Osterhasen

Mit Saatbomben zu Stadtoasen: Die Bewegung der Gemeinschaftsgärten wird 20 So absurd es klingt, die Bedeutung von Stadt und Land hat sich bereits ins Gegenteil verkehrt. Während auf dem Land die Landschaft mittlerweile weitgehend ausgeräumt ist und per Glyphosat und Precision-Farming auch die letzten Wildkräuter und ...

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Geduldete Parallelgesellschaft

Organisierte Verfolgung und Folter von Schwulen in Tschetschenien. Dort herrscht faktisch die Scharia Russische LGBT-Aktivisten berichten über eine Verfolgungswelle gegen Schwule in Tschetschenien. Seit Ende Februar seien mindestens 100 homosexuelle Männer unter ungeklärten Umständen verschwunden. Folter in Polizeihaft sei die Regel, mindestens drei Festgenommene seien im ...

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»Mitgefühl ist ausgeschlossen«

bra

Wann lacht ein Killer? Über NSU, »­fragmentierte Körper« und Ideologie. Ein Gespräch mit Klaus Theweleit

Sie haben am 30. September NSU-Strafprozesses besucht. Haben Sie Beate Zschäpe oben von der Besucherbalustrade lachen gesehen?

Ja, mehrmals sogar.

Warum hat sie gelacht?

Es gab in der Verhandlung ein Geplänkel zwischen einem der Zschäpe-Rechtsanwälte und dem Vorsitzenden Richter Manfred Götzl über eine Verfahrensfrage. Die haben sich beide ziemlich aufgeplustert, Götzl sah seine Autorität in Frage gestellt. Am Schluss hat ihm der Rechtsanwalt die aber bestätigt: »Selbstverständlich, Herr Vorsitzender, …« und so weiter. Das hat Beate Zschäpe amüsiert, dass die Justizfreaks, die sie nun schon zwei Jahre mit ihrem Schweigen vollbeschäftigt, sich ihretwegen – der mysteriösen Mitkillerin – in die Wolle kriegen: grins. Das Ganze war aber mehr ein Showduell zur Durchbrechung der Langeweile der Gerichtsroutine.

Und was hat das mit dem »Lachen der Täter«, über das Sie Ihr neues Buch geschrieben haben, zu tun?

Nichts.

Wie bitte?

Das Lachen der Täter, über das ich schreibe, ist ein eruptives Lachen, aus den Körpern der Killer hervorbrechend im Tötungsakt. Solch ein Lachen ist in einem Gerichtsprozess selbstverständlich nicht zu erwarten. Es lacht sich auch in kleineren Formaten. Nach Adorno und Horkheimer in der »Dialektik der Aufklärung«, auf die ich mich unter anderem beziehe, ist Lachen in erster Linie ein Zeichen der Gewalt, »der Ausbruch blinder, verstockter Natur«, wie sie schreiben.

Und was hat der Killer zu lachen?

Er feiert das Glücksgefühl einer momentanen Ganzheit. Der rasend lachende Killer komplettiert seinen eigenen Körper, sein Gelächter ist die Begleiteruption zur eigenen Selbstgeburt; am liebsten vollzogen im Gelächter einer Truppe, der er sich machtvoll einfügt. Dieses Lachen schließt die Präsenz jeder anderen Emotion aus. »Mitgefühl« mit den Opfern ist dabei – rein physiologisch – ausgeschlossen.

Adorno und Horkheimer sprechen auch vom »Teuflischen des falschen Lachens«, eine Art versteinertes Gelächter, das die Furcht dadurch bewältigt, »indem es zu den Instanzen überläuft, die zu fürchten sind«. Eben das sei das »organisierte Gelächter« im Getöse der Antisemiten. In der »Dialektik der Aufklärung« wird aber auch das »entgegengesetzte Element« des Lachens reflektiert, mit dem man in einer glücklicheren Umgebung »der zerstörenden Gewalt sich begebe«. Es gibt also wenigstens zwei Sorten Lachen?

Es gibt viel mehr Sorten, unendlich viele. Das »entgegengesetzte Element« zu dem der Gewalt wurde dabei von Freud formuliert. Er sah das Lächeln entstehen in der Mundbewegung des gesättigten Säuglings, der von der Mutterbrust ablässt. Heutige Forscher gehen eher davon aus, dass die muskuläre Lachbewegung phylogenetisch aus dem Zähnefletschen hervorgegangen ist, welches dem Biss vorausgeht; der, in diesem Fall, durch das Lachen ausgebremst würde.

»Fun ist ein Stahlbad«, dieser berühmte Satz folgt in der »Dialektik der Aufklärung« der Passage über das »schlechte Lachen«. Der Killer presst sich sein Lachen als Ausdruck »blinder verstockter Natur« aus dem Leib?

Das stimmt so nur noch teilweise. Die Lage der Mannheit, weltweit, hat sich etwas verändert. So wie die Killer heute technologisch hochgerüstet, schwerbewaffnet und modern daherkommen – vom zentralafrikanischen Spezialfall mit der Machete sehe ich jetzt ab –, mit dem Mobiltelefon in der einen, mit der Knarre in der anderen Hand, wäre es unzutreffend, das weiter nur als »blinde Natur« zu begreifen. Das Adjektiv »verstockt« trifft es schon präziser. Die verstockte Seite lacht allerdings auch aus Überforderung, nämlich auch aus der im Innern kochenden Todesangst. Statt aus »blinder Natur« handelt der heutige Killermann eher aus vielsehender, alleswissender Technologie heraus.

Wie knüpfen Sie eine Verbindung vom NSU zu den Killing Fields in Osteuropa während des Zweiten Weltkriegs und später in Indonesien, Guatemala, Ruanda bis hin zu Anders Breivik in Norwegen?

Die Verbindung ergibt sich von alleine. Das sogenannte Bekennervideo der Nazikiller ist ein sich selbst feierndes Hohngelächter über ihre Opfer. Im NS-Untergrund wurde schon jahrelang die Mordserie des NSU befeixt, als die Landeskriminalämter immer noch nach Tätern unter den Migranten suchten. Der Song »Döner-Killer« feierte die Verbreitung von »Angst und Schrecken. Der Döner bleibt im Halse stecken.« In der Selbstenttarnung des NSU, diesem Paulchen-Panther-Video, steht der Spaß des Mordes an Migranten unverblümt im Vordergrund.

Sie machen in Ihrem neuen Buch klar: Es geht nicht um Ideologie und auch nicht um Religion. Denn die lachenden Killer wechseln sie bei Bedarf. Breivik nennen Sie einen »frei flottierenden SS-Mann«, der genausogut auch muslimischer Dschihadist sein könnte. Es gehe um den Körper und die damit gemachten Erfahrungen. Faschismus soll keine Ideologie sein?

Nur für Ideologen ist Faschismus primär eine »Ideologie«. Er ist aber etwas anderes: »Faschismus« ist eine bestimmte Art und Weise, die Realität zu produzieren. Durchgeführt von Menschen, speziell von Männern, mit einer bestimmten Körperlichkeit, die ich den »fragmentierten Körper« nenne. Gemeinsam ist ihren Trägern, dass sie sich aber gerade nicht als »gestört« oder gar zerstört empfinden, sondern im Gegenteil: als Retter der Welt, der sie die Heilung bringen; oder zumindest als Retter ihres Landes. In ihrem Innern toben Ängste, Zerfallsängste. Es resultiert der »fragmentierte Körper«, der zu Zwecken der eigenen Angstbewältigung sich die Realität unterwirft; sie in ein »geordnetes«, das heißt hierarchisches System, zu überführen sucht, weil er sie sonst nicht aushält; und der, wo er eigene Unsicherheiten bzw. »Bedrohungen« empfindet, diesen nicht anders begegnen kann als mit Gewalt. Zugespitzt: durch Töten. Noch zugespitzter: durch restloses Ausrotten all dessen, was ihn »bedroht«. Dadurch erreicht er ein (vorübergehendes) Gefühl körperlicher Ganzheit. Breivik mordet als »Christ«. Die IS-Killer im Namen Allahs. Sogenannte Argumente für die »Rechtmäßigkeit« der eigenen Tötungsarbeit – also ideologische Konstruktionen – lassen sich immer finden; sogar von den Blödesten. Ideologien sind Schnickschnack; Zeug zur Verschleierung anderer Motive; so z. B. auch die Rede von »Freedom and Democracy« zur Verschleierung von Ölraub im Nahen Osten.

Was heißt das für eine – sagen wir – linke Gegenideologie mit der Perspektive von Antifaschismus und Frieden?

Gegenideologien sind hilflos. Sie setzen voraus, dass das »Gegenüber« durch Argumente, »Gegenargumente« überzeugbar wäre, vom eigenen Tun abzulassen. Das ist es aber nicht. Der Neonazi weiß genausogut wie der religiöse »Kreationist«, dass seine »Argumente« einer unvoreingenommenen »rationalen« Überprüfung nicht standhalten würden. Er weiß, dass er Quatsch erzählt. Das ist gerade sein Vorteil. Kein »Argument« der Welt kann ihm etwas anhaben. Menschen verändern sich zum Besseren nur durch Veränderungen ihrer körperlich-gesellschaftlichen Lage; heißt: nur durch veränderte Beziehungen, freundliche. An erster Stelle durch die Berührung mit anderen Menschen, Hautkontakte, andere (be)rührende Kontakte; Kontakte der Lebens- und Arbeitssituation. Dass man – als Aufklärer – einer besseren Ideologie anhängt, hilft niemandem. Höchstens einem selber; aber nicht einmal das ist sicher.

Klaus Theweleit: Das Lachen der ­Täter: Breivik u.a.: Psychogramm der Tötungslust. Residenz-Verlag, Salzburg 2015, 248 S., 22,90 Euro

aus: jw, 11.11.15