Prekäre Lebensverhältnisse – Das Beispiel der Alleinerziehenden

Meinungsumfragen spiegeln Erwartungen und Meinungen; und zeigen als Zeitreihe betrachtet Verschiebungen von gesellschaftlichen Bewertungen und Positionen bei größeren Wählergruppen. Die konkreten Werte beim Deutschlandtrend[1] belegen seit den Bundestagswahlen eine Umgruppierung im bürgerlichen Lager. Aktuell liegen CDU/CSU bei 29%, die AfD bei 17% und die FDP bei ...

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Grüne Städte senken das Überflutungsrisiko

Prof. Dr. Helmut Grüning ist Experte für Stadthydrologie und forscht an der FH Münster Extreme Sommerhitze – Gewitter – Starkregen – Überflutung: ein Kreislauf in den Sommermonaten, der nicht nur im Jahr 2014 in Münster verherende Auswirkungen hatte. Wenn sich die Niederschläge auf Brachflächen, Wiesen oder ...

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Formen prekärer Beschäftigung – das Beispiel Leiharbeit

Ein moderner Mythos kreist um die These vom Beschäftigungswunder Deutschland. In Deutschland lasse sich gut und gerne leben, hier sei der Grundkonflikt von Lohnarbeit und Kapital endgültig aufgehoben. Dieser Eindruck stützt sich auf Arbeitsmarktstatistiken aus Nürnberg. In der Tat: Die Zahl der Beschäftigten ist auf einem ...

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Befristete Beschäftigung auf Rekordstand

Ein sozialdemokratisches Kernanliegen bei der erneuten Bildung einer neuen »großen« Koalition aus CDU/CSU und SPD war die Reform der Rahmenbedingungen für befristete Beschäftigung. Digitalisierung, Globalisierung, weltweiter Wettbewerb: Die Arbeitswelt wird immer ungerechter. Ein Thema in diesem Dickicht einer ungerechten Arbeitswelt ist die Befristung ohne sachlichen Grund. ...

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Verdunkelt, verschleiert, geschreddert

Enver Simsek, Abdurrahim Özüdogru, Süleyman Tasköprü, Habil Kilic, Michèle Kiesewetter, Mehmet Turgut, Ismail Yasar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubasik, Halit Yozgat. Namen, die für traumatisierte Familienangehörige, erschütterte Freunde und Kollegen stehen. Alle zehn Mitbürger*innen – neun Gewerbetreibende türkischer und griechischer Herkunft und eine deutsche Polizistin – wurden ...

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Die große AfD-Geldverschwörung

Werden doch noch die finanzstarken dunklen Seilschaften beleuchtet, die der AfD mit Millionenbeträgen zum Einzug in den Bundestag verhalfen? Undank ist der Welten Lohn! Der honorige Verein zur Erhaltung der Rechtsstaatlichkeit und der bürgerlichen Freiheiten[1] hat die AfD aufopferungsvoll mit Millionenbeträgen in den Wahlkämpfen der vergangenen ...

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Handelskrieg zwischen USA und China wird eskalieren: Economic cold war

Der US-Wirtschaftsprofessor Nouriel Roubini bezeichnet den US-Präsidenten Donald Trump als Pluto-Populisten: »Seine Steuersenkungen entlasten die Reichen extrem. Seine Deregulierungspolitik schadet den Arbeitern.« (in: »Finanz und Wirtschaft« vom 3.7.2018) Und er fährt fort: »Wenn er Obamacare tatsächlich abschaffen könnte, würde das den Armen schaden. Um die Unterstützung ...

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Menschenrettung ist kein Verbrechen: Tausende protestieren gegen die Menschen verachtende Abschottungspolitik der Bundesregierung und der EU

Attac fordert: Fluchtursachen bekämpfen, sichere Fluchtwege schaffen In den vergangenen zwei Wochen haben unter dem Motto "Seebrücke: Schafft sichere Häfen" in vielen Städten über 20.000 Menschen gegen die Abschottungspolitik der EU protestiert und für die kommenden Tage sind weitere Proteste angekündigt. "Viele tausende Menschen wollen es ...

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Mexiko wählt links

Politischer Umbruch in Mexiko: Der von seinen Anhänger*innen »AMLO« genannte Kandidat der Mitte-links »Bewegung zur Erneuerung Mexikos« (Morena),[1] Andrés Manuel López Obrador,[2] konnte bei den Präsidentschaftswahlen 53,68% der Stimmen für sich verbuchen. Damit wird er am 1. Dezember 2018 als erster linksgerichteter Präsident seit Jahrzehnten in die ...

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Der Europastreit

Die Konflikte um die Asylpolitik erschüttern die EU in existentieller Weise. Die akute Brutalisierung der europäischen Asylpolitik könnte das Projekt der europäischen Einigung dauerhaft entstellen Welchen Effekt hat der bisherige Rechtsruck in den Mitgliedsstaaten der EU? Die deutsche Regierungskrise zeigt dies in erschreckender Weise auf. Wenngleich ...

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Wie starb Benno Ohnesorg?

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Ein halbes Jahrhundert 2. Juni 1967
Klaus Gietinger

Noch heute gehört der 2. Juni 1967 zu jenen Daten der deutschen Geschichte, die sich im kollektiven Gedächtnis eingebrannt haben. Es ist der Tag, an dem der Student Benno Ohnesorg starb – erschossen vom Polizisten Karl-Heinz Kurras. Ein neuer Dokumentarfilm rekonstruiert minutiös was an jenem Tag geschah.

Nachkrieg, Kalter Krieg, zwei deutsche Staaten. Westberlin ist isoliert. Die in Berlin besonders rechtslastige SPD regiert (56,3 %; absolute Mehrheit) faktisch unter den Augen der drei Westalliierten die Enklave. Nach dem Weggang von Willy Brandt – er wurde 1966 Außenminister der großen Koalition unter dem Ex-Nazi und Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger und dem Ex-Nazi und Bundespräsidenten Heinrich Lübke – kommt der evangelische
Pfarrer Heinrich Albertz (SPD), wie die Jungfrau zum Kinde, zum Posten des Regierenden Bürgermeisters.Die Westberliner Polizei beherbergt 1967 in ihrem Führungspersonal unter dem ehemaligen Generalstabsoffizierund Ritterkreuzträger der Wehrmacht, dem Polizeipräsidenten Erich Duensing (SPD), ehemalige SS-Offiziere,wie den Kommandeur der Berliner Schutzpolizei, Hans-Ulrich Werner, der maßgeblich an der Vertreibung und
Massenvernichtung von Sowjetbürgernbeteiligt gewesen war, aber auch Ex-Gestapo-Leute und natürlich alte,mit Nazi-Orden überhäufte „Haudegen“,wie den Ex-Fallschirmjäger und
Einsatzleiter Helmut Starke.
Die Westberliner Bereitschaftspolizei ist die – offiziell gar nicht existente – Berufsarmee der BRD in der Frontstadt. Die Feuerkraft ist größer als die einer deutschen Infanterie-Division im Zweiten Weltkrieg. Kein Wunder, denn ganze Wehrmachtsverbände sind in sie komplett übernommen worden. Gemeinsam mit den Westallierten und der sogenannten Bärenmiliz, bewaffneten Freikorps aus Junger Union und SPD-Mitgliedern, soll dem angenommenen
Sturm der DDR-Volksarmee bzw. der Roten Armee auf die „selbständige politische Einheit Westberlin“ (DDR-Jargon) Widerstand geleistet werden.
Um das Renommee der Enklave, des subventionierten Sackbahnhofes Berlin (West) aufzupolieren, soll auch der Schah von Persien und seine Frau Farah Diba nach Berlin gerufen werden.

Schon beim Staatsbesuch des durch einen Putsch an die Macht gelangten Diktators Resa Pahlewi in Westdeutschland einige Tage zuvor kam es zu Protesten, Polizeiprügeleien und zu Sperrungen ganzer Autobahnen. In Westberlin dagegen kocht die Stimmung, als am Abend des 1. Juni im Audimax Bahman Nirumand über die Zustände im Iran berichtet. Die Studierenden, durch den Krieg der USA in Vietnam schon politisch angefixt, wollen gegen den Schah demonstrieren. Verfassungsschutz, Bundesregierung und Polizei vereinbaren ein aggressives Vorgehen. Man will den Studenten endlich zeigen wo der Hammer hängt. Der SPD-Rechtsaußen und Westberliner-Sportsenator Kurt Neubauer, der scharf ist auf den Posten des Regierenden Bürgermeisters und sein Ziehsohn, der für die Polizei zuständige Senatsrat Hans-Joachim Prill (SPD), einigen sich auf ein besonders riskantes Vorgehen: Bewaffnete Greifer in Zivil sollen angebliche Rädelsführer herausschlagen und verhaften. Einer dieser Greifer heißt Karl-Heinz Kurras, ein ehemaliger Hitlerjunge, 1944 schwer verwundet, Waffenfetischist, der kurz nach dem Krieg von den Sowjets zu 10 Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurde. Kurras wollte 1955 von der West- zur Ostpolizei wechseln. Doch das Ministeriumfür Staatssicherheit (MfS) schlug
ihm vor im Westberlin zu bleiben und dort seine Kollegen auszuspionieren.
Kurras willigt ein. Hauptgrund ist sein unglaublicher Munitionsbedarf. Jede freie Minute verbringt er auf dem US-Schießplatz in Wannsee. Am Diensttelefon meldet er sich – scherzhaft
(!) – gern mit dem Namen einer Nazigröße, gleichzeitig horcht er seine Polizeikollegen aus und berichtet laufend ans MfS. Kurras wird von seinen Kollegen und Bekannten als klassischer
analer Charakter (nach Freud) bzw. als autoritärer Charakter (nach Adorno) beschrieben: Er hasste Studenten.

Am Vormittag des 2. Juni 1967 tragen sich der Schah und Farah Diba ins Goldene Buch der Stadt Berlin (West) ein. Vor dem Schöneberger Rathaus kommt es zu unfassbaren Prügelszenen.
Perser in Zivil greifen mit Latten und Totschlägern friedlich protestierende Studenten an. Die Westberliner Polizei lässt die „Prügelperser“ nicht nur gewähren, sondern schlägt auch noch, hoch zu Pferd, auf die Demonstranten ein.

Am Abend steht Mozarts Zauberflöte auf dem Programm. Vor der Oper auf der gegenüberliegenden Straßenseite haben sich etwa 2000 Schaulustige und Protestierer versammelt, darunter viele junge Frauen. Sie sind auf einen Abschnitt von rund 100 Metern Länge eingequetscht – zwischen Sperrgittern und einem Bauzaun in ihrem Rücken. Albertz hatte diesen Schlauch verhindern wollen. Doch Senatsrat Prill lässt ihn gegen den Willen des Bürgermeisters bestehen. Er und die Polizeiführung wollen die 59 Konfrontation. Als der Schah gegen 20 Uhr erscheint, gibt es großes Gejohle. Als er und Farah Diba in der Oper verschwunden sind, wollen die Demonstranten abziehen, doch jetzt wendet Polizeipräsident Duensing die von ihm einige Tage später als „Leberwurst-Taktik“ beschriebene Methode an: In
der Mitte hineinstechen und nach links und rechts ausdrücken. Es entsteht eine Panik und eine unglaubliche Prügelorgie. Die Demonstranten weichen zurück in die Krumme Straße. Dort kommen die zivilen Greifer zum Einsatz. Im Hinterhof erschießt Kurras aus unmittelbarer Nähe den Studenten der Romanistik und Germanistik Benno Ohnesorg, der grade von mehreren
Schutzpolizisten mit Knüppeln traktiert wird.

Was folgt ist einer der unglaublichsten Skandale der Nachkriegsgeschichte. Kein Polizist will etwas gesehen haben. Kurras faselt etwas von Notwehr und Warnschüssen, widerspricht
sich mehrfach. Studentische Zeugen werden nicht gehört oder nicht ernst genommen. Ohnesorgs Leiche wird bewusst verstümmelt, Kurras schließlich zweimal freigesprochen.
Das MfS ist komplett verwirrt, Kurras‘ Führungsoffizier bezeichnet die Tat als „Verbrechen“ und schaltet Kurras ab. Die Stasi hat ihren besten Mann bei der Westberliner Polizei verloren.

Als dann 2009 rauskommt, dass Kurras fürs MfS gearbeitet hatte, soll plötzlich die Geschichte der Studentenbewegung umgeschrieben werden. Ja es wird – auch von Ex-Linken – behauptet, die Stasi hätte die Studentenbewegung gesteuert. Kompletter Blödsinn. Kurras war ein Faschist, der die Westberliner Studenten hasste, aber auch keine Skrupel hatte, um seinen Waffen-fetischismus zu befriedigen, mit dem MfS zusammenzuarbeiten. Im übrigen treffen sich am selbenTag Vertreter der DDR, der UdSSR und des Iran in einem Westberliner Hotel, um die Beziehungen zwischen der DDR und dem Iran zu verbessern und um an das iranische Öl heranzukommen. Sogar eine Wiederzulassung der KP Persiens wird diskutiert. Dies war ein
weiterer Grund für die DDR, hier nicht die Situation zu eskalieren und ihren besten Spion bei der Westpolizei, Kurras, zu opfern.

Der Mord des Westberliner Polizisten Kurras befeuert die Studentenbewegung und trägt zur Eskalierung der Gewalt bei (RAF, Bewegung 2. Juni). Er politisiert aber auch eine ganze
Generation und bewirkt – so tragisch es für die Familie Ohnesorg war – viel Positives in der BRD. Zusammen mit Margot Overath habe ich versucht, den 2. Juni 1967, den Tag an dem 68 begann, in einem Dokumentarfilm minutiös zu rekonstruieren. Wir gingen allen Spuren in
Ost und West nach, werteten bislang unbekannte Akten, Fotos, sowie verschollen geglaubte Filmschnipsel aus. Wir interviewten zahlreiche Augenzeugen, von denen die meisten noch
nie vor der Kamera standen und als Zeugen ignoriert wurden. Darunter ein damals Achtjähriger, der alles genau mit angesehen hat. Ein investigativer Geschichtsthriller entstand. Er wird am 29. Mai 2017 nach den Tagesthemen (ca. 22:45) in der ARD ausgestrahlt.

Klaus Gietinger ist Autor und Regisseur (u.a. „Daheim sterben die Leut`‘‘, „Heinrich der Säger“,
„Tatort“; verschiedene Bücher zur Ermordung von Rosa Luxemburg, zur Weimarer Republik
und zur NS-Zeit, sowie zur Massenvernichtungswaffe Kfz). Er schreibt regelmäßig in Lunapark21, zuletzt in Heft 33 („Löwenzahn reloaded“).
Im April erscheint das Buch Klaus Gietinger und Winfried Wolf, Der Seelentröster. Wie Christopher Clark die Deutschen von der Schuld am Ersten Weltkrieg erlöst, Schmetterling Verlag, 350 S. / ca. 20 Euro.
Wie starb Benno Ohnesorg. Dokumentarfilm von Klaus Gietinger und Margot Overath Produktion: RBB, Redaktion: Rolf Bergmann,
RBB; Sabine Mieder, HR; 45 Min. Farbe/sw
Benno Ohnesorg. Chronik einer Hinrichtung. Hörfunkfeature von Margot Overath, 24.5.2017, Kulturradio RBB und MDR, 22:00 Uhr
Literaturhinweise:
Harald Möller, Der Schah-Besuch, 3. Bde., Berlin 2014;
Uwe Soukup, Der 2. Juni 1967. Ein Schuss, der die Republik
veränderte, Berlin 2017

aus: Lunapark21 37/2017